Epigramm:

Das Wort Epigramm stammt ursprünglich aus dem Griechischen
(epigramma = Aufschrift). Es bedeutete nichts anderes als eine 
Inschrift auf einer Statue oder einem Grabmal. Mit der Zeit 
veränderte sich die Bedeutung:Gedichte, die den Leser auf 
bestimmte Sachen und Verhaltensweisen von Personen 
hinwiesenwurden von nun an auch Epigramme genannt.
Diese Gedichte halten bestimmten Personen,
deren Verhaltensweisenden Dichtern nicht gefielen, 
einen Spiegel vor. 
Der typische Aufbau macht sie erkennbar: 
1. neutrale Feststellung einer Tatsache
2. Kommentar des Dichters
3. Pointe (Schlusssatz)


                                     


Epigramm III 63:

 

„Cotile, bellus homo es: dicunt hoc Cotile, multi.

Audio: Sed quid sit- dic mihi- bellus homoß

“Bellus homo est, flexos qui digerit ordine crines,

Balsama qui simper, cinnama simper olet;

Inter femineas tota qui luce cathedras

Desidet atque aliqua simper in aure sonat.”

Quid narras? Hoc est, hoc est homo, Cotile, bellus?

Res pertricosa est, Cotile, bellus homo.”
 

Übersetzung:

Cotilus, du bist ein charmanter Mensch: das sagen hier viele (Leute), Cotilus.

Ich höre: Aber - sag mir - was ist ein charmanter Mensch?

„ Ein charmanter Mensch ist, der seine Locken ordnet, der immer nach Balsam und Zimt duftet, der den ganzen Tag zwischen den Korbstühlen der Damen sitzt und ihnen etwas ins Ohr flüstert."

Ist das, ist das ein charmanter Mensch, Cotilus?

Es ist eine alberne Aufgabe, Cotilus, ein charmanter Mensch zu sein.

 

Mögliche Interpretation:

-> Cotilus kümmert sich zu viel um seine Schönheit: er duftet nach Zimt und Balsam, er ordnet seine, schon geordneten, Locken und lässt sich gerne von Frauen anhimmeln

-> Cotilus ist ein Symbol/Synonym für alle (eingebildeten) Römer, die nur an ihrem Aussehen interessiert sind

-> Martials Spott besteht darin, dass er Cotilus mit seinen Ansichten von Schönheit aufzieht ("charmant sein", immer um gutes Aussehen bemüht sein, die Damen bespaßen), die er nicht charmant oder attraktiv findet. Seiner Meinung nach sollte ein attraktiver Mann nicht den ganzen Tag bei den Frauen sitzen sich "beim Attraktiv-sein anhimmeln" lassen. Das attraktiv sein nach Cotilus ist für Martial nur eine närrischge Aufgabe.

 

„Lebendiges Make-up":

 

“Omnes aut vetulas habes amicas

Aut turpes vetulisque foediores.

Has ducis comites trahisque tecum

Per convivial, porticus, theatre.

Sic formonsa, Fabulla, sic puella es.”

 

Übersetzung:

 ->Du hast entweder alles alte Schachteln als Freundinnen, oder welche, die hässlich, oder hässlicher sind als alte Schachtel. Du führst sie als Begleiter mit dir und ziehst sie zu Gastmählern, Säulengängen und ins Theater. Nur so bist du schön, Fabulla, nur so bist du ein junges Mädchen.

 

Mögliche Interpretation: 

->  Fabulla ist ein Synonym/Symbol für alle reichen Römerinnen, die ihre „Begleiterinnen“ nur ausnutzen um gut auszusehen entweder als „lebendiges Make-up“ oder für ein hohes Ansehen)

->  Ironie/Spott: Fabulla ist innerlich und äußerlich hässlich und nutzt ihre „Freundinnen“ nur als lebendiges Make-up – nur so ist sie „schön“

Der Assistent:

„Quis iste Crispulus est, qui uxori semper adhaeret,

Mariane, tuae? Quis iste Crispulus est?

Nescio, quid iste dominae teneram garret in aurem

Et sellam cubito dexteriore permit?

Nil mihi respondes? “Uxoris res agit”, inquis,

“iste meae”. Sane certus et asper homo est.

Res uxoris agit? Res ullas, Crispulus iste?

Res non uxoris, res agit iste tuas!”

Übersetzung:

->Wer ist dieses Lockenköpfchen, das immer an deiner frau klebt, Marianus? Wer ist dieses Lockenköpfchen dort? Ich weiß nicht, welcher seiner Herrin sanft ins Ohr flüstert und sich (dabei) mit seinem Ellbogen rechtsseitig auf ihrem Sessel abstützt. Antwortest du mir nicht? „dieser dort erledigt Aufgaben meiner Frau“, sagst du mir. Er ist ein wirklich ehrgeiziger und hartnäckiger Mensch. Er erfüllt nur die Aufgaben deiner Ehefrau? Irgendwelche Aufgaben, dieses Lockenköpfchen? Dieser erledigt nicht die Aufgaben deiner Ehefrau, sondern deine!



Mögliche Interpretation:

-> Martial spricht an alle Männer, dass sie nicht die Augen vor der Wirklichkeit verschließen sollen, sondern sich lieber um ihre Frauen kümmern sollen, damit sie sich nicht ein jüngeres Lockenköpfchen anlachen

-> Ironie/Spott: das Lockenköpfchen erledigt keine Aufträge der Frau, sondern die „ehelichen Pflichten“, die eigentlich Marianus zustehen und die er erledigen sollte


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